Giovanni Battista Scalabrini, 1. Juni

„Vater der Migranten“

Giovanni Battista Scalabrini (1839–1905)
 
Lebensdaten
Geboren: 8. Juli 1839, Fino Mornasco bei Como, Norditalien
Gestorben: 1. Juni 1905, Piacenza, zwischen Mailand und Parma

Gedenktag
1. Juni

Lebensgeschichte
Scalabrini stammte aus einer bescheidenen, tief religiösen Familie und trat mit 18 Jahren ins Priesterseminar von Como ein. 1863 wurde er zum Priester geweiht. Als Pfarrer von San Bartolomeo zeichnete er sich durch pastoralen Eifer und soziale Sensibilität aus, pflegte während einer Choleraepidemie persönlich Kranke und schrieb einen einfachen Katechismus für Kinder.
 
1876 ernannte ihn Pius IX. zum Bischof von Piacenza. Scalabrini führte fünf ausgedehnte Pastoralbesuche in den 365 Pfarreien seiner Diözese durch, gründete Schulen der christlichen Lehre, initiierte die Zeitschrift Il Catechista Cattolico und setzte sich für soziale Gerechtigkeit und Bildung ein.
 
Tief bewegt vom Elend italienischer Auswanderer nach Amerika gründete er 1887 die Kongregation der Missionare des heiligen Karl Borromäus, bekannt als Scalabrinianer, und 1895 die weibliche Schwesterngemeinschaft gleichen Namens. Beide widmen sich der seelsorglichen und sozialen Betreuung von Migrantinnen und Migranten. 1901 reiste Scalabrini selbst in die USA, 1904 nach Brasilien, um seine Missionare zu besuchen.
 
Mit nur 36 Jahren zum Bischof von Piacenza geweiht, zu Beginn der Industrialisierung, flohen Hunderttausende, getrieben von Hunger und Not, aus Europa in die Neue Welt. Ganz besonders lagen ihm die Notleidenden, die Ausgeschlossenen, die Taubstummen und vor allem die Migrantinnen und Migranten am Herzen, denn «dort, wo die Menschen arbeiten und leiden, dort ist die Kirche». Sein Scharfsinn machte ihn zu einer kritischen und unbequemen Stimme seiner Zeit. Unermüdlich drängte er darauf, dass es zu den Pflichten des Staates gehöre, Gesetze für die Ein- und Auswanderung zu schaffen, und zu den Aufgaben der Kirche, eine Migrationspastoral zu entwickeln. Unerschütterlich war dabei sein Vertrauen in Gottes Geist, der die Menschheit über alle Hindernisse hinweg zu einer einzigen Familie zusammenführen will. Sein rastloses Leben hatte ein Zentrum: Jesus, den menschgewordenen Sohn Gottes, gegenwärtig in der Eucharistie. Er war der Ausgangs- und Endpunkt seines Lebens. Bei ihm schöpfte er Kraft und suchte Rat. So konnte er in jeder Situation der «Communio» dienen und «allen alles werden». Umso wichtiger war für ihn dabei das Gebet, sein «Gespräch mit Gott». «Über jedes Hindernis hinweg formt das Gebet eine Art Stromkreis, der von Mensch zu Mensch geht. Da er die Mitte der Liebe – Gott – durchquert, kann er aus allen Herzen ein einziges, aus allen Familien eine einzige Familie bilden.»
Als die Krise im Land immer grösser wurde, verkaufte er sogar den Kelch, den er von Papst Pius IX als Geschenk erhalten hatte. Seine Überzeugung war: Wenn ein Armer Hunger hat, dann bevorzugt Christus für die Feier der Eucharistie einen Kelch aus Blech statt aus Gold. Scalabrini lebte für eine Kirche, die «in ihrer Offenheit keine Grenzen kennt», eine pilgernde Kirche, die sich mit den Menschen auf den Weg macht.
 
Scalabrini analysierte die Situation der Migration, erstellte Statistiken, untersuchte Ursachen und Auswirkungen, schrieb Artikel und sensibilisierte die Öffentlichkeit. Er wusste die Zeichen der Zeit zu deuten, und er übernahm persönlich Verantwortung. Sein Einsatz ging weit über seine Diözese hinaus. Er nahm teil an nationalen und internationalen Debatten und wurde zum Ansprechpartner für Regierungen, Päpste und Bischöfe. Zur stützenden Begleitung der Migranten gründete er 1887 die Kongregation der Missionare und 1895 die Schwesternkongregation des Hl. Karl Borromäus. Durch seine Initiative entstand auch 1889 der nach deutschem Vorbild entwickelte Verein «San Raffaele», der sich der Migrantinnen und Migranten in den Abfahrts- und Ankunftshäfen annahm. Kurz vor seinem Tod schrieb er an Papst Pius X. und legte dem Vatikan ein «Memorandum» vor für die Errichtung einer zentralen kirchlichen Organisation zur Koordination der Seelsorge zugunsten aller Auswanderer.
 
Scalabrini sah in der Migration nicht nur eine grosse soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Frage seiner Zeit, sondern ein Phänomen, das die Menschheit in der Zukunft dauerhaft beschäftigen würde. Mit der Zeit wuchs in ihm das Vertrauen, dass auch die Migration zum Plan Gottes für die Welt beitragen könne. «Freiheit auszuwandern, aber kein Zwang dazu, denn die freiwillige Emigration ist gut, die erzwungene fügt Schaden zu. Ist sie gewählt, so nimmt sie Anteil an einer grossen Vorsehung für das Schicksal der Menschheit, ihrem wirtschaftlichen und ethischen Fortschritt. Sie kann zum sozialen Sicherheitsventil werden, denn sie öffnet der Hoffnung Wege und ab und zu auch Wohlstand den Enterbten [...] Sie erhöht das menschliche Schicksal, indem sie das Bewusstsein von Heimat über die materiellen und politischen Grenzen hinausführt und so dem Menschen die ganze Welt zur Heimat macht».
Ein wichtiger Aspekt seiner Sichtweise liegt darin, dass er eine Wechselwirkung zwischen Glauben und Kultur bzw. Sprache sah. Alle drei hingen für ihn eng mit dem Begriff «Heimat» zusammen, ein kulturelles Erbe, das es in die neue Gesellschaft zu integrieren gilt, ohne es zu verlieren. Die eigene Herkunft nicht zu verneinen, kulturelle und sprachliche Eigenheiten nicht aufzugeben, durfte aber auch nicht zu einer Abkapselung von der Aufnahmegesellschaft und -kirche führen. So riet er den Migrantinnen und Migranten: «Beachtet die Gepflogenheiten eures Gastlandes, so weit es geht, gleicht euch ihnen an, lernt Englisch, aber vergesst nicht eure Muttersprache …» Und seinen Missionaren schrieb er: «Überlegt, wie ihr in ihnen die Liebe zur Heimat wachhalten könnt, aber passt auf, dass ihr in ihnen nicht irgendetwas weckt, das sie von den neuen Mitbürgern trennen oder auf irgendeine Weise von den anderen Gläubigen absondern könnte.»
 
Scalabrini sah die Zukunft der Kirche in enger Verbindung mit der Migration. Einerseits ging es für ihn darum, sich einzusetzen, dass die Menschen in der Fremde ihren Glauben nicht verlieren, andererseits sah er auch die Chance für die Ortskirchen, dass die Begegnung mit dem Fremden den Glauben neu beleben kann. Inmitten aller Ereignisse erkannte er die Vorsehung Gottes: «Es wandern die Samen auf den Flügeln des Windes, es wandern die Pflanzen von Kontinent zu Kontinent, getragen von den Strömungen des Wassers, es wandern die Vögel und die Tiere, aber vor allem wandert der Mensch, zusammen mit anderen oder allein, aber immer geführt von der Vorsehung. Sie lenkt das menschliche Schicksal, sie geht ihm voran auch durch Katastrophen hindurch, immer auf das Ziel zu: die Fülle für die Menschen hier auf der Erde und die Ehre Gottes im Himmel.»
Der Traum Scalabrinis war, dass alle Völker lernen können, als Menschheitsfamilie zu leben, in der die Vielfalt der Sprachen und Kulturen wertgeschätzt wird. ( vgl. Christiane Lubos in kirchenzeitung.ch)
 
Verehrung
Nach seiner Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. 1997 wurde Scalabrini 2022 heiliggesprochen. Seine visionäre Migrationspastoral und die von ihm gegründeten Gemeinschaften wirken weltweit fort, mit Hunderten von Priestern, Brüdern und Schwestern, die Migrantinnen und Migranten begleiten. Sein Leitspruch, „allen alles werden“, prägte sein Wirken für eine Kirche ohne Grenzen. 
 
Quellen
vgl. Scalabrini.de; www2.bistum-augsburg.de; wikipedia; heiligenlexikon.de; katholisch.de; vaticannews.va; praedica.de; und andere
 
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