Bischof Stefan Oster sexuelle Identitäten

16.11.2025 |

Glauben wir noch, was wir glauben?“ Ein kritischer Blick von Bischof Stefan Oster auf das Papier „Geschaffen, erlöst und geliebt. Sichtbarkeit und Anerkennung der Vielfalt sexueller Identitäten in der Schule“ der Schulkommission der Deutschen Bischofskonferenz (1.Okt.2025).

Schlussworte der Stellungnahme von Bischof Stefan Oster:
 
„Ich bin der Überzeugung, dass wir vor allem im Westen in einer Zeit leben, in der sich die entscheidenden Debatten und Auseinandersetzungen um die Anthropologie, um die Lehre vom Menschen, drehen. 
 
Für uns als Katholische Kirche geht es dabei um das Verständnis des Menschen als einem sakramentalen Wesen, das heißt als eine endliche Wirklichkeit, in der und durch die sich der unendliche Gott als real präsent offenbaren kann. Im Grunde kann man in einem abgeleiteten Sinn des Begriffes „Sakrament“ sagen: Die Berufung des Menschen ist es, Sakrament zu sein und immer mehr zu werden.
 
Sexualethische Fragen und Fragen der Identität gehören mitten in diese umkämpfte Debatte hinein, weil sie so grundlegend unser Selbstverständnis, unser Leibverständnis und unsere Weltauffassung berühren.
 
Ich persönlich bin der Überzeugung, dass es in dieser Debatte auch prinzipielle Grenzen gibt, die nicht einfach graduell verschiebbar sind. Die weite Mehrheit – auch in der Kirche in unserem Land – denkt diese Fragen dagegen wohl eher in einem Entwicklungsparadigma. Das heißt, bei den meisten herrscht etwa folgende Überzeugung vor: „Irgendwann wird es auch in der Katholischen Kirche so weit sein, dass z. B. Frauen die Priesterweihe empfangen oder Paare außerhalb einer Ehe von Mann und Frau auch liturgisch gesegnet werden können. Noch sind wir eben noch nicht so weit.“ Irgendwann, so folgern die meisten dann auch, würden diese Grenzen ohnehin überschritten – und genau deshalb könne man diese Überschreitung auch jetzt schon für wahr halten und als Wahrheit ausgeben.
 
Ich halte diese Grenzen dagegen für prinzipiell gegeben und nicht für graduell allmählich verschiebbar. Ihre Überschreitung würde nach meiner Überzeugung am Ende zu einer anderen Kirche führen. Denn eine andere Lehre vom Menschen führt zu einer anderen Lehre von der Offenbarung, von den Sakramenten, von der Erlösung – und damit notwendig zu einer anderen Lehre von der Kirche und ihrer Existenz – im letzten sogar zu einem anderen Verständnis vom dreifaltigen Gott.
 
Papst Franziskus hatte mehrmals in Richtung von uns Deutschen im Blick auf den Synodalen Weg etwas lapidar gewarnt: „Es gibt schon eine evangelische Kirche in Deutschland, es braucht nicht noch eine“. Weil uns als Glaubensgemeinschaften gerade das Verständnis von Sakramentalität im Kern unterscheidet, hat Franziskus hier einen wichtigen Punkt gesehen: Die Auffassung von Mensch und Kirche als Sakrament steht in dieser Debatte zur Disposition. Und der hier verhandelte Text der Schulkommission der Bischofskonferenz ist in der vorliegenden Fassung auf dem besten Weg zu einem entsakramentalisierten Verständnis des Menschen.
 
Daher möchte ich zunächst die dem Text spürbar zugrunde liegende Sorge um die Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen und auch von Menschen, die sich als queer identifizieren, in der Schule ausdrücklich bejahen und würdigen.
 
Aber von seinen inhaltlichen Voraussetzungen und seinem theologischen, philosophischen, pädagogischen und entwicklungspsychologischen Gehalt möchte ich mich in aller Form distanzieren. Wenn auch auf dem Umschlag der Broschüre steht: „Die deutschen Bischöfe“, dann spricht der Text trotzdem nicht in meinem Namen“.