In der Bibel tritt das Verhüllungsmotiv sowohl im Alten als auch im Neuen Testament auf. Der christliche Glaube versteht sich als Offenbarung d.h. als Religion in der sich Gott selbst dem Menschen enthüllt und offenbart.
Diese Offenbarung, lateinisch revelatio, ist im wortwörtlichen Sinn eine „Enthüllung“ des verborgenen und unsichbaren Gottes. Wo immer Gott im Alten Testament an entscheidenden Wendepunkten der Geschichte Israels auftritt und seine Herrlichkeit zeigt, sind seine Erscheinungen gleichzeitig mit Verhüllungsmotiven gekennzeichnet. So zum Beispiele: Im brennenden Dornbusch in dem sich Gott Mose offenbarte: „Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“ (Ex 3,6).
Den Höhepunkt der Erscheinung Gottes im Buch Exodus stellt das Geschehen am Sinai dar, wo der Mensch vermittelt durch die Hand des Moses im Dekalog die göttliche Lebensordnung erhält: „Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt“ (Ex 19,13).
Auf dem Gottesberg Horeb offenbart sich Gott dem Propheten Elija im sanften Säuseln. Als Elija das hört, hüllte er sein Gesicht in seinen Mantel (vgl. 1 Kön 19,13).
Der Tempel, in dem Jesaja seine Berufung zum Propheten erlebte, war mit Rauch angefüllt. Der Herr saß auf einem hohen und erhabenen Thron: „Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus. Serafim standen über ihm. Jeder hatte sechs Flügel: Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere“ (Jes 6). Weder Jesaja noch die Engel können Gott sehen, er offenbart sich in der Verhüllung, aus der heraus er spricht. Feuer, Rauch, Wolken und Wind werden so zum Zeichen der verhüllten Anwesenheit Gottes.
Auch das Neue Testament beinhaltet das Verhüllungsmotiv: Die Offenbarung des unsichtbaren Vaters ist hier mit der Person Jesu verbunden. Die göttliche Natur Jesu verhüllt sich hinter seiner menschlichen Gestalt. Bei besondere Situationen scheint die göttliche Herrlichkeit Jesu auf – wie bei der Taufe Jesu im Jordan (Mt 3,13-17), bei der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor (Mt 17,1-9 ).
Im Mittelpunkt des Neuen Testamentes stehen jedoch die Erscheinungen des Auferstandenen. Jesus zeigt sich nach seinem Kreuzestod als der Auferstandene. Die Begegnungen mit dem Auferstanden sind gekennzeichnet durch das Wechselspiel von Verhüllung und Enthüllung, von Gegenwart und Entzug. Vor allem in der Begegnung mit dem Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus wird dies besonders deutlich: „Und sie sahen ihn nicht mehr“ (Lk 24,13-25).
Schließlich finden sich Verhüllungsmotive auch in den Erscheinungen des Geistes Gottes. Am Pfingsttag offenbart sich der Geist in sichtbaren und hörbaren Zeichen: „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. [...] Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden“ (Apg 2,1-13).
Die Erscheinung Gottes ist in der Heiligen Schrift von Bildern der Verhüllung wie Rauch, Sturm, Wind, Stimme, Feuer und Wolke begleitet. Die Bilder der Verhüllung sind nicht selbst Gott, sondern verweisen auf seine verborgen - verhüllte - Anwesenheit. Die Offenbarungsgestalt Gottes ist die verhüllte Enthüllung! Von Angesicht zu Angesicht schauen wir Gott erst im Himmel.
Liturgiegeschichte
Bis zur Liturgiereform mussten in der Passionszeit das heißt ab dem 5. Fastensonntag (Sonntag vor Palmsonntag) die Kreuze und die Altarbilder mit einem Velum (Tuch) verhüllt werden zum Zeichen der Trauer. Heute ist dies eine Kann-Vorschrift. Das Velum konnte aus Seide, Wolle, Leinwand oder Baumwolle bestehen. Es war von grauer oder violetter Farbe (ausgenommen am Gründonnerstag da wurden die dunklen Tücher durch weiße ausgetauscht). Verzierungen wurden bei den Passions-Velen nicht angebracht und waren auch nicht erlaubt.
Die Verhüllung der Kreuze erfolgte zum Abendgebet, der 1. Vesper vor dem Passionssonntag und verblieben bis zur Liturgie am Karfreitag in der ja das Kreuz bzw. der Corpus des Gekreuzigten Christus feierlich enthüllt wird.
Der Brauch in der Fastenzeit die Kreuze und Bilder zu verhüllen, ist allem Anschein nach gallischen Ursprungs. Er war in Gallien schon im 7. Jahrhundert bekannt. Als der Brauch der Verhüllung aufgekommen ist, ging es zunächst nur um ein einziges Bild, das Bild am (Hoch-) Altar, das Antependium. Dieses Bild zeigt den erhöhten Herrn oder einen oder eine Heilige (bevorzugt Maria) die in der Gemeinschaft der Heiligen mit den auferstandenen und erhöhten Herrn im Himmel thronen.
Das Hochaltarbild war also immer ein österliches Bild und Zeichen der Verheißung der künftigen Herrlichkeit. Eben darum sollte es während der Fastenzeit - der Vorbereitung auf Ostern - den Blicken entzogen sein.
In Deutschland wurde das Tuch auch Hungertuch, Schachtlappen oder Schmachtfetzen genannt. Beachtung verdient auch der Umstand, dass dieses Tuch wie ein Vorhang in der Mitte geteilt und so nach beiden Seiten auseinandergezogen werden konnte. Im späteren Mittelalter wurden die Fastentücher oft mit biblischen Szenen zu den Kreuzesstationen Jesu bemalt (z. B. Freiburger Fastentuch).
Solange das Fastentuch aufgehängt war, wurde gefastet. 40 Tage lang kein Fleisch, auch keine Tierprodukte wie Milch, Käse, Eier und Schmalz. „Dich soll leren das Hungertuch, so man ufspannt, Abstinenz und Fasten“, ruft ein mittelalterlicher Prediger. Auch unsere Redewendung „am Hungertuch nagen = am Hungertuch nähen“, geht auf das Fastentuch zurück.
Viele Gründe haben zum Verschwinden der Hungertücher geführt. Am stärksten hat wohl der Einspruch Martin Luthers gegen viele sinnenhafte katholische Bräuche beigetragen, sodass diese in Vergessenheit geraten sind sind: "Die Festen, Palmtag und Marterwochen lassen wir bleiben... doch nicht also, das man das Hungertuch, Palmen schiessen, Bilde decken, und was des Gaukelwerks mehr ist, halten soll."
Im Zuge der Gegenreformation wuchs in den katholisch gebliebenen Gebieten auf der einen Seite das Schaubedürfnis der Gläubigen. So wurde die Elevation der Hostie - das Hochheben und Zeigen der Gestalt der gewandelten Hostie - ein zentraler Bestandteil der Heiligen Messe. Die Verhüllungsfunktion der Hungertücher fand aber weniger Verständnis mehr. Auf der anderen Seite entstand besonders die Verkündigungsmethoden der Jesuiten mit Passionsschauspielen, Aufbau des Grabes Jesu, Fastenkrippen und Kreuzwegandachten eine Konkurrenz zu den Hungertüchern.
Das Bischöfliche Hilfswerk Misereor hat 1976 den fast vergessenen Brauch der Hungertücher wieder aufgegriffen und zu einem zentralen Bestandteil seiner Fastenaktion gemacht.
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Fasten- oder Hungertücher im Laufe der Jahrhunderte einen beachtlichen Funktionswandel durchgemacht haben. Ursprünglich besaßen sie eine verhüllende Funktion. Als schmuckloses "velum templi" dienten sie der "Askese der Augensinnlichkeit", waren sichtbares Zeichen der Buße. Eine symbolische Funktion bekamen sie bei jenen, die im "velum templi" das Verbergen der Gottheit Christi sahen. Die reich bebilderten Fasten- bzw. Hungertücher, die mehr zeigten als verbargen und mehr offenbarten als verhüllten, hatten später eine katechetische Funktion.
Heutzutage gibt es wieder vermehrt den Brauch der Hungertücher und liturgisch geboten, die Verhüllung der Kreuze in der Kirche ab dem 5. Fastensonntag. (Pfarrer Alois Kowald)
[Beitrag erstellt von Christoph Eichkorn - 2023]